Moin, liebe Kundinnen und Kunden,
liebes Hennigsdorf,
manche Themen der Wärmewende wirken auf den ersten Blick sehr technisch. Tatsächlich geht es dabei um etwas sehr Alltägliches: um die Frage, wer am Ende die Rechnung bezahlt.
In den vergangenen Monaten erreichen uns immer wieder Hinweise, Fragen und Anregungen zur künftigen Wärmeversorgung einzelner Gebäude oder ganzer Quartiere. Sie kommen aus der Bürgerschaft, aus politischen Gremien, von Verantwortlichen und auch von Vermietern. Oft geht es dabei um dieselbe Grundfrage: Kann dieses oder jenes Gebäude nicht an die Fernwärme angeschlossen werden? Oder gibt es eine andere moderne Lösung, die ohne Öl und Gas auskommt? Die ehrliche Antwort lautet: Technisch gibt es dafür häufig Lösungen. Wirtschaftlich aber nicht immer.

Christoph Schneider leitet die Stadtwerke Hennigsdorf – und teilt hier Gedanken aus dem Alltag eines modernen Versorgers: ehrlich, nah dran und mit Blick auf die Zukunftsthemen unserer Branche – von Versorgungssicherheit über Klimaschutz bis zur Digitalisierung.
Technik ist selten das eigentliche Problem
Für uns als Stadtwerke steht natürlich die Fernwärme im Mittelpunkt. Wir betreiben in Hennigsdorf seit vielen Jahren ein Fernwärmenetz, entwickeln es kontinuierlich weiter und sehen darin einen wesentlichen Baustein für die künftige Wärmeversorgung der Stadt. Das heißt aber nicht, dass wir nur in einer Richtung denken. Wir prüfen längst auch andere Ansätze und entwickeln entsprechende Konzepte: Wärmepumpenlösungen für einzelne Objekte, kleinere Quartiersnetze, die Nutzung des Fernwärmerücklaufs mit Wärmepumpen oder Kombinationen aus mehreren Technologien. Gerade in der kommunalen Wärmeplanung und im Transformationsplan schauen wir uns diese Varianten bewusst an.
Das Ergebnis ist aber häufig ernüchternd. Nicht, weil die Technik fehlt, sondern weil in der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung fast immer dieselbe Frage im Mittelpunkt steht: Kann diese Lösung im Bestandsbau kostenneutral umgesetzt werden? Die Antwort lautet allerdings häufig: nein. Das klingt unbefriedigend, tifft aber genau den Kern des Problems. Viele Menschen wünschen sich eine Wärmeversorgung, die möglichst klimafreundlich ist, unabhängiger von Öl- und Gasimporten macht und zuverlässig funktioniert. Dieser Wunsch ist berechtigt. Gleichzeitig soll Wärme bezahlbar bleiben. Auch das ist nachvollziehbar. Niemand möchte eine technisch gute Lösung, die sich am Ende im Geldbeutel deutlich negativ bemerkbar macht.
Warum alte Heizungen oft im Vorteil sind
Das Problem ist nur: Eine alte Versorgungslösung ist in der Regel erst einmal günstiger als eine neue. Das liegt nicht immer am Brennstoff allein. Es liegt oft schon an der Anlage selbst. Eine bestehende Gasheizung ist häufig längst abgeschrieben. Sie steht im Keller, ist bezahlt und erfüllt ihren Zweck noch immer. Eine neue Lösung dagegen muss geplant, genehmigt, finanziert und gebaut werden. Sie muss heutige technische Standards erfüllen. Sie ist häufig komplexer, sicherer, effizienter, aber eben nicht automatisch günstiger. Bevor wir also überhaupt über Gaspreis, CO₂-Preis, Biomasse, Wärmepumpe oder Fernwärme sprechen, hat die alte Anlage oft schon einen wirtschaftlichen Vorteil: Sie ist einfach schon da.
Natürlich gibt es Förderprogramme. Förderung ist wichtig. Ohne sie würde vieles in der Wärmewende gar nicht funktionieren. Aber sie löst nicht jedes Problem. Förderanträge verursachen administrativen Aufwand, kosten Zeit und Geld. Dazu: Wenn ein Markt weiß, dass bestimmte Leistungen gefördert werden, führt das nicht automatisch zu niedrigeren Preisen. Manchmal eher im Gegenteil. Eine Förderung kann Investitionen zwar erleichtern, schafft aber zugleich neue Komplexität. Auch das gehört zur Wahrheit.
Hinzu kommt: Gas ist trotz aller Krisen und Kriege immer wieder auf ein Preisniveau zurückgekehrt, mit dem viele moderne Wärmeversorgungslösungen in einer reinen Momentaufnahme nur schwer konkurrieren können. Der CO₂-Preis ist bislang nicht so hoch, dass erneuerbare Wärme in jeder Kalkulation automatisch besser dasteht. Wer nur auf das Hier und Jetzt schaut, kommt deshalb häufig zu dem Schluss, dass die alte fossile Lösung günstiger ist.
Wenn Kostenneutralität zum Stillstand führt
Und genau hier beginnt das eigentliche Dilemma.
Bei vermieteten Gebäuden gilt bei der Umstellung auf Fernwärme oder eine andere gewerbliche Wärmelieferung das sogenannte Kostenneutralitätsgebot. Vereinfacht gesagt: Die neue Versorgung darf für die Mieterinnen und Mieter nicht teurer sein als die alte. Auch dieser Gedanke ist verständlich. Er kommt aus dem Mieterschutz. Niemand soll gegen seinen Willen in eine neue Versorgung gedrängt werden und danach höhere Betriebskosten tragen müssen.
Nur führt diese Logik heute in vielen Fällen zu einem Stillstand. Denn wenn eine neue klimafreundliche Lösung im ersten Schritt teurer ist als die bereits abgeschriebene Gasversorgung, fällt sie wirtschaftlich durch. Selbst dann, wenn sie technisch sinnvoll wäre. Selbst dann, wenn sie langfristig unabhängiger machen würde. Selbst dann, wenn fossile Energien künftig teurer werden könnten. Und selbst dann, wenn sie für die Klimaziele eigentlich gebraucht wird.
Das Kostenneutralitätsgebot richtet den Blick vor allem auf den heutigen Kostenvergleich. Alte Versorgung gegen neue Versorgung. Aktuelle Kosten gegen künftige Kosten. Was dabei zu kurz kommt ist der Blick nach vorn: steigende CO₂-Kosten, politische Vorgaben, Risiken fossiler Abhängigkeiten, Versorgungssicherheit und die Frage, wie Wärme im Jahr 2045 erzeugt werden soll.
Der Zielkonflikt der Vermieter
Jeder Eigentümer steht vor solchen Abwägungen. Auch wer ein Einfamilienhaus besitzt, kennt diese Entscheidung: Lasse ich die alte Gasheizung noch laufen oder investiere ich jetzt in eine Wärmepumpe, in Solarthermie, in bessere Dämmung oder in eine andere Lösung? Im selbst genutzten Haus lässt sich diese Entscheidung leichter aus Überzeugung treffen. Man trägt die Mehrkosten selbst, wägt die Chancen ab und lebt mit den Folgen der eigenen Entscheidung. Wer sagt: Ich möchte unabhängiger werden, ich möchte klimafreundlicher heizen, ich nehme dafür höhere Investitionskosten in Kauf, der kann das tun.
Bei vermieteten Gebäuden ist diese Haltung schwieriger. Der Vermieter entscheidet nicht nur für sich. Er trägt Verantwortung für das Gebäude, seine wirtschaftliche Entwicklung und den Zustand der technischen Anlagen – aber ebenso für die Mieterinnen und Mieter und deren Geldbeutel. Er kann nicht einfach sagen: Ich finde die neue Lösung richtig, also machen wir das, egal was es kostet. Gerade größere Vermieter müssen gegenüber Eigentümern, Gesellschaftern, Mitgliedern oder Aufsichtsgremien begründen, warum eine Investition wirtschaftlich sinnvoll ist. Gleichzeitig dürfen sie Mieterinnen und Mieter nicht überfordern. Das ist kein böser Wille, sondern ein echter Zielkonflikt.
Für Vermieter entsteht dadurch ein nachvollziehbarer Anreiz abzuwarten. Warum investieren, wenn die Investition wirtschaftlich nicht darstellbar ist? Warum eine funktionierende alte Anlage ersetzen, wenn die neue Lösung zwar politisch gewünscht, rechtlich aber schwer umzusetzen und wirtschaftlich nicht kostenneutral ist? Ein Vermieter hat zuallererst die Aufgabe, Wohnraum bereitzustellen. Er ist verplfichtet, wirtschaftlich zu handeln. Er will und muss Geld verdienen, gerade wenn er gegenüber Eigentümern, Gesellschaftern oder Mitgliedern verantwortlich ist. Das ist kein Vorwurf, sondern schlicht seine Rolle.
Auch Stadtwerke stoßen an Grenzen
Und wir als Stadtwerke haben ebenfalls eine Rolle. Wir können nicht so tun, als gäbe es keine Gesetze. Wir können keine Anschlüsse versprechen, wenn am Ende niemand bereit oder in der Lage ist, die zusätlichen Kosten zu tragen. Wir können auch nicht die Wirtschaftlichkeit einzelner Gebäude schönrechnen, nur weil wir die Wärmewende richtig finden. Unsere Aufgabe ist es, solide zu planen, technisch gute Lösungen zu entwickeln und uns dabei an die geltenden gesetzlichen Vorgaben zu halten. Genau deshalb kommt es in der Praxis immer wieder zu derselben Antwort: Ein Anschluss an die Fernwärme ist technisch möglich, aber wirtschaftlich derzeit nicht umsetzbar. Und das gilt nicht nur für Fernwärme. Auch objektbezogene Wärmepumpen, kalte oder warme Quartiersnetze, Rücklaufnutzung oder modulare Lösungen können im Einzelfall gut und richtig sein. Im vermieteten Bestandsbau scheitern sie aber häufig an derselben Hürde: Die neue Lösung ist jetzt und heute nicht kostenneutral gegenüber der bestehenden Versorgung.
Die eigentliche politische Aufgabe
Das ist für alle Beteiligten unbefriedigend. Für Bürgerinnen und Bürger, die eine moderne Wärmeversorgung wollen. Für Mieterinnen und Mieter, die bezahlbar wohnen möchten. Für Vermieter, die weder rechtlich noch wirtschaftlich einen Blindflug riskieren wollen. Und auch für uns, weil wir natürlich daran interessiert sind, unser Fernwärmenetz sinnvoll weiterzuentwickeln und andere tragfähige Lösungen dort einzusetzen, wo sie besser passen.
Der Verband kommunaler Unternehmen hat deshalb vorgeschlagen, die Regeln weiterzuentwickeln und die Belastungen anders zu verteilen. Auch auf Bundesebene wird immer wieder über Anpassungen gesprochen. Gleichzeitig weisen Mietervereine völlig zu Recht darauf hin, dass Wärmewende nicht bedeuten darf, dass Mieterinnen und Mieter am Ende allein die Rechnung tragen. Beides stimmt. Genau deshalb ist das Thema so schwierig. Wir müssen an dieser Stelle auch keinen fertigen Gesetzesvorschlag präsentieren. Das ist nicht unsere Aufgabe. Unsere Aufgabe ist es aber, auf ein praktisches Problem hinzuweisen: Wenn jede neue Lösung im Vergleich zur bereits abgeschriebenen fossilen Lösung augenblicklich kostenneutral sein muss, dann wird sich in vielen Gebäuden nichts verändern. Dann bleibt die alte Heizung so lange stehen, bis Handeln unvermeidlich geworden ist – sei es, weil die Anlage ersetzt werden muss, oder weil sich die Rahmenbedingungen ändern.
Für die Wärmewende ist das kein besonders gutes Prinzip.
Ehrlichkeit hilft weiter
In Hennigsdorf arbeiten wir weiter an der kommunalen Wärmeplanung und an der Transformation unserer Fernwärme. Wir prüfen, wo Anschlüsse sinnvoll, wo Netzerweiterungen möglich sind und wo Quartierslösungen vielleicht besser passen. Wir betrachten Gebäude, Straßenzüge und Gebiete nicht nur technisch, sondern auch wirtschaftlich. Denn eine Wärmewende, die nur auf dem Papier funktioniert, hilft niemandem.
Was wir aber nicht auflösen können, ist der grundsätzliche Zielkonflikt zwischen Klima- und Mieterschutz, Investitionsbereitschaft und Wirtschaftlichkeit. Dieser Zielkonflikt muss politisch beantwortet werden. Es reicht nicht, von Stadtwerken, Vermietern und Bürgerinnen und Bürgern gleichzeitig alles zu erwarten: klimaneutral, sofort verfügbar, technisch perfekt, rechtlich abgesichert und bitte nicht teurer.
Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir ehrlicher darüber sprechen würden. Alte Anlagen sind oft nur deshalb günstig, weil sie alt und bezahlt sind. Neue Anlagen sind nicht automatisch teuer, weil sie schlecht sind, sondern weil sie neu, sauberer, komplexer und zukunftsfähiger sein sollen. Und der Preis einer Wärmeversorgung besteht nicht nur aus der nächsten Betriebskostenabrechnung, sondern auch aus Abhängigkeiten, Klimafolgen, Versorgungssicherheit und Investitionen in die nächsten Jahrzehnte.
Wir machen natürlich weiter. Wir planen, prüfen, rechnen und bauen dort, wo es sinnvoll und möglich ist. Wir müssen aber auch sagen dürfen: Nicht jede technisch richtige Lösung ist unter den heutigen Bedingungen wirtschaftlich umsetzbar. Und solange das so bleibt, wird die Wärmewende im Gebäudebestand langsamer sein, als viele es sich wünschen.
Ehrlichkeit allein löst den Zielkonflikt nicht. Aber sie ist die Voraussetzung dafür, dass wir ihn lösen können.
Bis zum nächsten Mal – bleiben Sie uns gewogen!
Ihr Christoph Schneider
Geschäftsführer Stadtwerke Hennigsdorf
Energie von hier und Marktgeflüster – unsere Kolumne bringt’s auf den Schirm.