Moin, liebe Kundinnen und Kunden,
liebes Hennigsdorf,
heute möchte ich mit Ihnen über ein Thema sprechen, das auf den ersten Blick wenig mit unserem Tagesgeschäft zu tun hat – bei genauerem Hinsehen aber unsere Branche fundamental verändern könnte: die Künstliche Intelligenz (kurz: KI, auch bekannt als AI – Artificial Intelligence) und ihre Auswirkungen auf unsere Energiezukunft.
Christoph Schneider leitet die Stadtwerke Hennigsdorf – und teilt hier Gedanken aus dem Alltag eines modernen Versorgers: ehrlich, nah dran und mit Blick auf die Zukunftsthemen unserer Branche – von Versorgungssicherheit über Klimaschutz bis zur Digitalisierung.
Ein Déjà-vu? Die Computer-Revolution als Blaupause
Vielleicht lässt sich unsere Zeit am ehesten mit dem Moment vergleichen, als die ersten Computer in die Unternehmen einzogen. Auch damals war die Unsicherheit groß – teils berechtigt, teils übertrieben. Einiges von dem, was damals befürchtet wurde, ist eingetreten – aber längst nicht alles. Und rückblickend hat der technologische Fortschritt den Menschen auch Wohlstand, Effizienz und neue Möglichkeiten gebracht.
Doch darum soll es hier gar nicht gehen. Es geht nicht um die Frage, ob Künstliche Intelligenz gut oder schlecht ist. Oder ob die Veränderung der Arbeitswelt zwingend ist.
Viel entscheidender ist: Welche Konsequenzen ergeben sich daraus – für unsere Infrastruktur, für unseren Energiebedarf, für unsere Gesellschaft?
Wenn Maschinen denken lernen – was bleibt für uns übrig?
Künstliche Intelligenz wird unsere Arbeitswelt verändern – nicht irgendwann, sondern jetzt. Das ist längst keine Zukunftsvision mehr, sondern bereits gelebte Realität in vielen Branchen. Mit dieser Veränderung wächst auch der Bedarf an Rechenleistung – und damit an Energie. In einem dynamischen Umfeld könnten diese Ressourcen schnell knapp werden und sogar zu Engpässen führen, wenn wir uns nicht rechtzeitig darauf einstellen.
Die Idee hinter KI klingt zunächst einfach: Leichte und wiederkehrende Aufgaben, besonders im Büroumfeld, lassen sich durch Künstliche Intelligenz erleichtern oder sogar vollständig übernehmen. Der Druck auf Unternehmen wächst, solche Prozesse zu automatisieren, um Zeit und Kosten zu sparen. Und dieser Druck wird weiter zunehmen.
Heute braucht es oft noch eine klare Anweisung – einen sogenannten Prompt –, damit KI-Systeme wie ChatGPT, Claude oder X-AI präzise arbeiten können. Doch die neuesten Sprachmodelle, sogenannte Reasoning-Modelle, können bereits jetzt Zusammenhänge erfassen, Schlussfolgerungen ziehen und komplexe Fragen beantworten – mit deutlich weniger Vorgaben als bisher. Diese Entwicklung wird sich rasant fortsetzen. Und schon setzten auch große Weltkonzerne wie Microsoft, Meta und Apple auf „the next big thing“. Das sogenannte AGI – Artificial General Intelligence, dass Maschinen in die Lage versetzt, wie ein Mensch flexibel zu denken, zu lernen du Aufgaben in verschiedenen Bereichen zu lösen. Vermutlich ist das aber eher ein Kapital in den nächsten Episoden führt hier sicher zu weit.
Softwareunternehmen wie SAP oder Maschinenhersteller wie Siemens setzen Künstliche Intelligenz bereits heute gezielt ein. Sie verknüpfen jahrzehntealte Unternehmensdaten mit aktuellem Prozesswissen und neuen Technologien – und schaffen so digitale Systeme, die ständig dazulernen. Das verändert unsere heutigen Arbeitsmodelle grundlegend – manche sagen sogar: radikal und disruptiv.
Gerade in dieser Umbruchphase braucht es den Menschen mehr denn je. Er muss das Korrektiv sein, derjenige, der Technik einordnet, Entscheidungen hinterfragt und Verantwortung übernimmt. Denn so leistungsfähig KI-Systeme auch werden: Ohne menschliches Urteilsvermögen fehlt ihnen etwas Entscheidendes, nämlich das Gespür für das, was richtig und was falsch ist.
Die zwei unersetzlichen Säulen: Ressourcen und Energie
In einer Welt, in der Maschinen, KI-Systeme und künftig auch Quantencomputer Rechenprozesse in immer kürzerer Zeit bewältigen, stellt sich eine grundlegende Frage für Unternehmen: Welche Branchen bleiben für Unternehmen, wenn Forschung und Entwicklung sowie die Produktion durch Maschinen beliebig skaliert werden? Wie einzigartig ist das eigene Produkt noch, wenn es beliebig erzeugt werden kann, und worin liegt dann noch sein tatsächlicher Nutzen?
Folgt man diesem Gedanken, bleiben am Ende zwei Voraussetzungen, die sich nicht unendlich vervielfältigen lassen. Zwei Grundlagen, auf die sämtliche digitalen Systeme angewiesen sind – und die zugleich physisch begrenzt bleiben: Ressourcen und Energie.
Jede technische Innovation benötigt Energie – KI-Modelle um ein Vielfaches mehr. Rechenzentren müssen rund um die Uhr betrieben werden und erfordern eine verlässliche, kontinuierliche Stromversorgung. Die Modelle lernen ständig dazu, verarbeiten immer größere Datenmengen. Auch das Lösen komplexer Aufgaben erfordert wachsende Rechenleistung – und damit immer leistungsfähigere Infrastrukturen. Und da natürliche Ressourcen wie seltene Erden endlich sind, wird auch die Energieeffizienz perspektivisch eine immer größere Rolle spielen.
Wenn Effizienz den Verbrauch nicht senkt
Auf den ersten Blick klingt es logisch: Je sparsamer eine Technologie wird, desto weniger Energie verbraucht sie – und das müsste doch gut für Umwelt und Ressourcen sein. Doch die Realität sieht anders aus.
Denn: Je leistungsfähiger und attraktiver ein System wird, desto häufiger wird es genutzt – und genau das kann den Energiebedarf sogar steigen lassen.
Für dieses Phänomen gibt es übrigens sogar einen Namen: das Jevons-Paradoxon. Schon im Jahr 1865 stellte der britische Ökonom William Stanley Jevons fest, dass effizientere Dampfmaschinen nicht zu weniger, sondern zu mehr Kohleverbrauch führten, weil die Technologie wirtschaftlich interessanter wurde und sich rasch verbreitete.
Dieser sogenannte Rebound-Effekt lässt sich auch heute beobachten – bei KI-Systemen, Streaming-Diensten oder Cloud-Anwendungen. Was leichter zugänglich, günstiger oder leistungsstärker wird, wird häufiger genutzt. Und allein dadurch steigt der Energieverbrauch.
Gerade im Bereich der Künstlichen Intelligenz zeigt sich dieser Effekt besonders deutlich: Die Systeme arbeiten heute deutlich ressourcenschonender als ihre Vorgänger – werden aber gleichzeitig in deutlich wachsendem Umfang eingesetzt. Und das bedeutet: Mehr Nutzer, mehr Aufgaben, mehr Rechenlast – und am Ende: mehr Energiebedarf.
Stadtwerke im Zentrum der digitalen Revolution
Doch was bedeutet all das für uns – die Stadtwerke Hennigsdorf?
Hier schließt sich der Kreis. Und zwar auf eine Weise, die ich selbst vor einigen Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Denn während sich ganze Branchen durch die Digitalisierung grundlegend verändern – und teilweise um ihre wirtschaftliche Grundlage bangen müssen, wird unsere Aufgabe als Energieversorger immer zentraler. Nicht trotz, sondern gerade wegen des digitalen Wandels.
Ich erlebe das auch ganz konkret: Seit 2024 bieten wir mit unserer NATURSTROM-Marke nicht nur nachhaltigen, sondern auch besonders preisgünstigen Strom in der Region an. Ein schöner Erfolg, keine Frage, aber entscheidend ist etwas anderes: Denn es geht längst nicht mehr darum, Energie zu vertreiben. Es geht darum, sie selbst zu erzeugen. Denn je mehr KI-Anwendungen, Rechenzentren und digitale Dienste unser Leben prägen, desto klarer wird: Ohne eine stabile, lokale Energieversorgung läuft gar nichts.
Plötzlich sind wir als kommunale Energieversorger im Zentrum einer technischen Evolution, die unseren Alltag verändern wird. Nicht als Zuschauer, sondern als unverzichtbare Akteure.
Ich finde: Das ist eine enorme Verantwortung. Aber auch eine große Chance.
Die Zukunft braucht Energie – und uns
Manchmal bringt die Geschichte seltsame Wendungen hervor. Ausgerechnet der technologische Fortschritt, der so viele traditionelle Geschäftsmodelle bedroht, macht unsere Arbeit als Energieversorger unverzichtbarer denn je. Jede KI-Anfrage, jeder Datentransfer, jedes autonome Fahrzeug – sie alle brauchen eines: verlässliche, saubere und bezahlbare Energie.
Unsere Aufgabe ist es, genau das bereitzustellen. Nicht morgen – sondern jetzt.
Ich bin überzeugt: Die digitale Welt von morgen wird nur so intelligent sein, wie wir heute die Energieinfrastruktur dafür schaffen. Was denken Sie? Sind wir bereit für diese Zukunft?
Bis zum nächsten Mal – bleiben Sie uns gewogen!
Ihr Christoph Schneider